Blogeintrag Juli 2017

von Gabriele Störmann

Brauchen wir eine Empathie-Maschine?

Die Förderung von Empathie scheint ein immer wichtigeres gesellschaftliches Anliegen. In einer 2016 durchgeführten Umfrage der dänischen Nonprofit-Organisation INDEX – Design to Improve Life gehörten u.a. Mangel an Empathie, Vertrauen und Toleranz sowie wachsender Egoismus und Habgier zu den wichtigsten globalen Herausforderungen, die benannt wurden. Häufig wurde die Sorge in Verbindung mit der Beobachtung zunehmenden Hasses und mit steigender Angst vor Terrorismus geäußert.[1]

Doch warum fehlt es uns heute an Empathie? Empathie bezeichnet allgemein die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Lage, Einstellung und emotionale Befindlichkeit eines anderen Menschen einzufühlen. Sie zählt zu den zentralen emotionalen und sozialen Kompetenzen, die uns zu einem fürsorglichen und prosozialen Verhalten gegenüber uns selbst und anderen befähigen, und ist uns normalerweise angeboren. Vielen Menschen fällt es jedoch schwer, emotionale Werte wie Empathie oder Mitgefühl im Alltag zu leben. Für diese Entwicklung werden u.a. die Leistungs- und Wettbewerbsorientierung der Gesellschaft sowie der Verlust an zwischenmenschlichen Beziehungen bzw. deren Ersatz durch soziale Medien verantwortlich gemacht.

Doch ausgerechnet die Technologien, die zum Verlust von Empathie beigetragen haben sollen, versprechen nun neue Lösungen. Förderung von Empathie durch Virtual Reality- und Augmented Reality-Erfahrungen scheinen Trend zu sein für die Bewältigung einer der wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen. In der Simulation „Refugee Run“ erlebten Teilnehmer des diesjährigen World Economic Forum gemeinsam mit geschulten Darstellern z.B. einen Tag als Flüchtling in einem Camp. Dänische Studierende gewinnen durch Virtual Reality „New Eyes on the World“, versetzen sich in das Leben einer gleichaltrigen Person in Sri Lanka oder Kolumbien und entwickeln darauf aufbauend sinnvolle Lösungen für die SDGs[2]. Besucher des Empathy Museums laufen im wahrsten Sinne des Wortes eine Meile in den Schuhen einer anderen Person, während sie dieser Person und ihrer Geschichte zuhören. Im „Project Empathy“ erleben Teilnehmende die Realität des amerikanischen Gefängnisalltags und dessen Folgen durch die Augen von vier Inhaftierten. Entwickelt von einem passionierten schwer hörgeschädigten Sporttaucher entführt Amphibian in die Welt des Tiefseetauchens und lässt die Dumpfheit und Stille einer annähernden Taubheit erleben. Dies sind nur einige von zahlreichen weiteren Beispielen dafür, wie VR und AR[3] unser Verständnis und Einfühlungsvermögen für Personen mit Behinderungen oder solche in besonderen oder notleidenden Situationen fördern sollen.

Doch führen diese einmaligen Erlebnisse wirklich zu mehr Empathie und vor allem zu mehr Hilfsbereitschaft gegenüber den Bedürftigen? Das Virtual Human Interaction Lab an der Stanford University erforscht derzeit das Design, die Nutzung und Wirkung von derartigen VR-Projekten auf unser Verhalten, und erste Ergebnisse scheinen vielversprechend.[4]

Dennoch frage ich mich: Wenn die Beeinflussung zu prosozialem Verhalten möglich ist, müssen wir nicht aufpassen, dass VR-Projekte auch für das Gegenteil genutzt werden können? Und: Ist es nicht paradox, dass wir eine Maschine benötigen für etwas, das sich ganz natürlich und ohne Technik zwischen Menschen abspielen sollte?

[1] Visual Field Notes. Global Challenges and Solutions. INDEX. Design to Improve Life. 2016. Online unter: https://issuu.com/index/docs/visual-field-notes_all_final.compre (29.06.2017)
[2] SDG = Sustainable Development Goals bzw. Ziele für nachhaltige Entwicklung
[3] VR = Virtual Reality; AR = Augmented Reality
[4] https://www.wired.com/brandlab/2015/11/is-virtual-reality-the-ultimate-empathy-machine/