Corporate Citizenship als Katalysator für ESG- und Nachhaltigkeitsstrategien

Nachhaltigkeit und ESG rücken zu Recht immer mehr in den Fokus von Unternehmenshandeln. Corporate Citizenship kann dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Durch seine gesellschaftliche Wirkung und seinen Beitrag zu Kommunikation, Kooperation und Innovation wird Corporate Citizenship zum Katalysator für ESG- und Nachhaltigkeitsstrategien.

von Karenina Schröder und Simon Kaiser

Zusammenfassung

Immer mehr Unternehmen stellen sich der Herausforderung, neuen ESG- und Nachhaltigkeitsansprüchen gerecht zu werden. Das ist keine leichte Aufgabe, denn die Kriterien und Bewertungen sind vielfältig und uneindeutig. Nicht zuletzt deshalb spielt Corporate Citizenship eine zunehmend wichtige Rolle in dieser Transformation. Denn es ist freiwillig und in erster Linie darauf ausgerichtet, Mensch und Umwelt zu helfen und nicht Profite zu erzielen. Strategisches Corporate Citizenship kann gleich in dreifacher Hinsicht zum Katalysator für ESG/Nachhaltigkeitstransformationen im Unternehmen werden:

  • Das freiwillige Engagement zahlt auf eine positive Unternehmenskultur und glaubwürdige Kommunikation nach innen und außen ein. Es motiviert und legitimiert.
  • Viele Herausforderungen können von Einzel-Unternehmen nicht gelöst werden. Corporate Citizenship ermöglicht das Engagement in Netzwerken, die sich um systemische Nachhaltigkeit bemühen wie z.B. um gemeinsame Umwelt- oder Arbeitsstandards zu etablieren.
  • Es erschließt Unternehmen den Zugang zu neuen Zielgruppen, Märkten und Fragestellungen, die nicht selten zu Innovationen führen, welche die Nachhaltigkeit der Unternehmen ebenso fördern wie den sozialen Zweck.

In unserer Arbeit sehen wir täglich die positive gesellschaftliche Wirkung, die Engagement entfalten kann. Genauso wichtig ist es uns, gemeinsam mit unseren Kund*innen proaktives, gesellschaftliches Engagement so zu gestalten, dass es auch die Nachhaltigkeit des Unternehmens voranbringt – und damit zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beiträgt.

ESG wird Mainstream – die Anforderungen sind aber häufig unklar

Spätestens seit der Verabschiedung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) 2015 ist Nachhaltigkeit in den Fokus von Unternehmenshandeln gerückt. Unternehmen sind dabei dem Druck verschiedener Stakeholder*innen wie Kund*innen, Mitarbeiter*innen und Regulatorik ausgesetzt. Auch die Finanzmärkte beziehen zunehmend ESG-Kriterien in Bezug auf Umwelt (E), Soziales (S) und Unternehmensführung (G) in Investitionsentscheidungen mit ein. Allein zwischen 2016 und 2018 sind nachhaltig-orientierte Investment Assets in Europa und den USA um 25% auf über 26 Billionen Dollar angewachsen[i]. Bis 2025 könnten sie weltweit auf 53 Billionen Dollar und damit ein Drittel der globalen Assets under Management (AuM) steigen[ii].

Was beim Reporting von ESG-Parametern zählt ist dabei nicht leicht zu erkennen. Die Menge der Standards (z.B. GRI, SASB und TCFD) und Intermediäre (Ratings, Rankings und Indices wie DJSI, MSCI, Sustainalytics, CDP oder ISS ESG) erschweren es Unternehmen zu verstehen, welche Metriken und Maßnahmen für sie wichtig sind. Eine Richtschnur ist dabei das Konzept der Materialität, das zu ergründen sucht, welche gesellschaftlichen Themen für ein Unternehmen von zentraler Bedeutung sind[iii]. Trotz dieser Rahmenwerke besteht kein linearer Zusammenhang zwischen dem ESG-Reporting oder Rating eines Unternehmens und Investitionsentscheidungen. Die Informationen sind Startpunkte, Datenquellen oder Warnzeichen, die institutionelle Anleger*innen mit eigenen Recherchen und Tools ergänzen[iv]. Auch ist die ESG-Landschaft immer noch in der Findungsphase: Nach wie vor kommen Standards und Intermediäre hinzu, die Vergleichbarkeit ist begrenzt und die Datenqualität oft mangelhaft[v]. Eine Konsolidierung ist bisher nur in Ansätzen erkennbar, auch wenn die aktuell von der EU-Kommission erarbeitete ESG-Taxonomie dazu einen wesentlichen Beitrag leisten könnte.

Kurzum: Unternehmen sollten sich nicht blind an Standards oder Intermediären orientieren, denn ihre Stakeholder*innen tun es auch nicht. Stattdessen sollten sie für sich definieren, was ihre Nachhaltigkeitsherausforderungen sind, wie sie sie bestmöglich angehen und welches Narrativ ihre Transformation begleitet. Unser folgender Diskussionsbeitrag zeigt auf, wie Corporate Citizenship dabei eine wichtige Rolle spielen kann.

Corporate Citizenship ist proaktives Unternehmensengagement

Corporate Citizenship bezeichnet das proaktive, freiwillige, wirkungsorientierte Engagement eines Unternehmens. Jedes Unternehmen kann frei entscheiden, wo es über Compliance hinaus einen sinnvollen Beitrag leisten möchte. Idealerweise sollte es sich dabei allerdings an seinem Kerngeschäft orientieren, wo sich die größten Hebel für Vernetzung, Wirksamkeit und Beständigkeit ergeben. Konkret handelt es sich bei Corporate Citizenship zumeist um:

  • Corporate Giving besteht in finanziellen oder nicht-finanziellen Spenden, vorranging an NPOs (z.B. Vereine, Stiftungen und gGmbHs).
  • Corporate Impact Investing bezeichnet Investitionen in Geschäftsmodelle, die durch marktbasierte Ansätze gesellschaftliche Probleme lösen.
  • Corporate Volunteering richtet sich darauf, die eigenen Mitarbeitenden in das Engagement einzubinden und dabei sowohl eine gesellschaftliche Wirkung zu erzielen wie auch intern Werte und Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln.
  • Corporate Advocacy zielt auf die politische Öffentlichkeit und Entscheidungstragende, um positive gesetzliche oder regulatorische Veränderungen zu bewirken.

Zentrales Ziel der Maßnahmen sind Verbesserungen für Mensch und Umwelt. Sie können und sollen aber auch dem Unternehmen selbst nützen. Nicht zuletzt kann strategisches Engagement Unternehmen gegenüber aufkommender Regulatorik in Position bringen. Reformen haben in Frankreich Corporate Impact Investment oder in Indien Corporate Giving maßgeblich vorangebracht, indem sie bestimmte Aspekte mandatierten. So wie sich ESG-Regulierung weiter verändern und weniger freiwillig werden wird, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich künftig auch Corporate Citizenship zunehmenden gesetzlichen Vorgaben gegenübersieht.

Corporate Citizenship kann helfen, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen

Bisher wird proaktivem Engagement von den meisten der Standards und Intermediären keine große Bedeutung beigemessen. Dennoch widmen immer mehr CEOs dem Thema ihre Aufmerksamkeit, weil es die nachhaltige Transformation ihres Unternehmens insgesamt vorantreiben kann – und damit auch auf ESG-Metriken einzahlt. Dabei unterstützt es drei wichtige Funktionen, die wir in unserer täglichen Arbeit immer wieder beobachten:

1. Corporate Citizenship unterstützt nachhaltigen Purpose, Organisationskultur & Kommunikation

Corporate Citizenship bringt häufig schöne Bilder und Geschichten hervor, die sich intern wie extern gut vermarkten lassen. Besonders groß ist sein Kommunikationswert aber, wenn er die Glaubwürdigkeit und Legitimität der proklamierten Nachhaltigkeit bestärkt. Das gelingt vor allem dann, wenn es eng mit dem Purpose – der gesellschaftlichen Zielstellung – eines Unternehmens oder seiner Marken verbunden ist.  Der Effekt zeigt sich z.B. in Corporate Volunteering-Programmen, die sich nachweislich positiv auf die Einstellung der Mitarbeitenden sowohl gegenüber ihren Arbeitgeber*innen als auch in Bezug auf ihr eigenes soziales Engagement auswirken[vi]. Corporate Citizenship wirkt sich damit auch auf die Unternehmenskultur aus, unterstützt das Selbstverständnis eines engagierten Unternehmens und motiviert Mitarbeitende und andere Stakeholder*innen, die Transformation proaktiv zu unterstützen.

Ein Beispiel ist der französisch-italienische Augenoptik-Konzern EssilorLuxottica. Sein Purpose ist: “See more – be more. We transform lives by enabling people to engage with the world and to fully express themselves”. Corporate Citizenship macht sichtbar, dass es sich dabei um einen sozialen und nicht nur einen kommerziellen Anspruch handelt: Seit Jahren engagieren sich die beiden Konzernteile[vii] weltweit für bessere Sicht – durch die Förderung von Augenkliniken, inklusiven Geschäftsmodellen, Public-Private Partnerships, Mitarbeitenden-Engagement, Awareness-Kampagnen und Produktspenden[viii]. Kurzum: durch das ganze Instrumentarium der Corporate Citizenship. So beweist das Unternehmen, dass es ihm mit seinem Wirkungsanspruch ernst ist – innerhalb und jenseits des eigenen Kerngeschäfts.

2. Corporate Citizenship hilft sektorübergreifende Nachhaltigkeitsziele gemeinsam zu erreichen

Wenn ein Unternehmen seine ‚materiellen‘ Nachhaltigkeitsherausforderungen identifiziert hat, sollte es diese direkt im Kerngeschäft adressieren. Dabei kann es sich sowohl um die Reduktion von Plastik oder CO2 als auch um faire Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende oder bei Zulieferunternehmen handeln. Corporate Citizenship hilft, diese Ziele zu unterstützen, z.B. indem es den Communities entlang der eigenen Wertschöpfungskette hilft, resilienter zu werden oder indem es in Organisationen investiert, die nahe des Kerngeschäfts sozial und/oder ökologisch relevante Dienstleistungen wie Aufforstung, Ausbildung oder Aufklärung erbringen.

Am stärksten ist Corporate Citizenship aber auf der Ebene der systemischen Veränderung: Es bietet eine nicht-kommerzielle Plattform der Kooperation mit relevanten Akteur*innen – lokalen Gemeinschaften, NGOs, Forschungs- und Ausbildungsstätten, staatlichen Institutionen, Peers oder Entscheidungstragenden aus Politik, Kultur und Medien. So schafft es die Möglichkeit multisektorale Wege zu multisektoralen Nachhaltigkeitszielen zu finden. Anstrengungen in der eigenen Wertschöpfungskette werden komplementiert und vereinfacht. Denn die Schaffung gemeinsamer Rahmenbedingungen sorgt dafür, dass Nachhaltigkeit kein Wettbewerbsnachteil wird. Kooperationen ermöglichen es auch voneinander zu lernen: Unternehmen hilft das externe Wissen, ihre Externalitäten zu analysieren und anzugehen. Dem öffentlichen Sektor und der Zivilgesellschaft hilft es, Unternehmen und ihre Bedürfnisse besser zu verstehen.

Eine der ambitioniertesten Initiativen dieser Art ist die Extractive Industries Transparency Initiative (EITI)[ix]. In ihr arbeiten in mittlerweile 55 Ländern sogenannte ‚Multi-Stakeholder-Groups‘ aus staatlichen Institutionen, Unternehmen und Zivilgesellschaft daran, den Abbau natürlicher Rohstoffe besseren Regeln zu unterwerfen. Das internationale Sekretariat der EITI prägt dabei einen Rahmenstandard, dessen Einhaltung für jedes Land regelmäßig geprüft wird.

3. Corporate Citizenship fördert nachhaltige Innovation in Produkten, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen

Ihr Engagement führt Unternehmen in Sektoren und Bereiche, in denen sie sich ansonsten nicht bewegen. In anderen Worten: Hinaus aus der Komfortzone. Es bedeutet viele Fragen, die sie sich oftmals zuvor noch nicht gestellt haben. Welches Problem wollen wir lösen? Wer ist die Zielgruppe unseres Engagements? Was sind unsere Wirkungshebel? Welche Ressourcen bringen wir mit, die wir für die Gesellschaft einsetzen können? Wen sollten wir einbeziehen, um effektiv zu wirken? Die Beantwortung dieser Fragen fordert Reflexion, Recherche, Austausch. Neues wird mit Altem kombiniert: ein idealer Startpunkt für nachhaltige Ideen.

Viele Unternehmen entscheiden sich daraufhin ihre Innovationskompetenzen einzusetzen, um neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zu entwickeln und damit ihre Kerngeschäft nachhaltiger und kommerziell erfolgreicher zu machen. Verschiedene Konzepte beschreiben diese Art der Innovation: Creating Shared Value umfasst Strategien, die „die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens erhöhen und gleichzeitig die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen in den Gemeinschaften fördern, in denen es tätig ist.“[x] Corporate Social Innovation beschreibt den Einsatz von Unternehmensressourcen und Kooperationen, „um gemeinsam bahnbrechende Lösungen für komplexe wirtschaftliche, soziale und ökologische Probleme zu schaffen“[xi] Insbesondere Corporate Impact Investing entwickelt – durch die Zusammenarbeit mit Social Entrepreneurs und der Förderung unternehmensinterner Intrapreneurs – durch Innovation das Unternehmen insgesamt in Richtung nachhaltiger Wirtschaft.

Die soziale Mission des amerikanischen Finanzdienstleisters Mastercard ist es, Menschen Chancen in einer digitalisierten Wirtschaft zu verschaffen[xii]. Das Ziel: Bis 2025 soll eine Milliarde Menschen ohne Bankkonto Zugang zu finanziellen Dienstleistungen und Technologien erhalten. Dafür hat Mastercard innovative Produkte für benachteiligte Gruppen geschaffen. Beispiele sind das Mastercard Farmer Network, das Finanzdienstleistungen und Zugang zu Märkten für Kleinbauern und Kleinbäuerinnen in afrikanischen Ländern und Indien anbietet und die soziale Zahlungsplattform Kupaa, die finanzielle Hürden im Bildungssystem Ugandas abbauen soll. Mit diesen Produkten entfaltet Mastercard nicht nur gesellschaftliche Wirkung, sondern gewinnt auch zahllose neue Kund*innen in schnell wachsenden Märkten.

Corporate Citizenship als Katalysator für ESG- und Nachhaltigkeitsstrategien

Zunehmend werden wir in unserer Arbeit mit der Frage konfrontiert, wie Corporate Citizenship mit dem aktuellen ESG-Boom zusammenhängt. Dieser Text bemüht sich um eine Einordnung – innerhalb eines sich entwickelnden Feldes: Engagement fördert Nachhaltigkeitstransformationen durch seine gesellschaftliche Wirkung und seinen Beitrag zu Kommunikation, Kooperation und Innovation. In Bezug auf ESG-Reporting fügt es sich in ein Gesamtnarrativ unternehmerischer Verantwortung ein und stärkt seine Glaubwürdigkeit nach außen und innen.

Corporate Citizenship steht zunächst einmal für sich selbst. Wir wissen welche positive gesellschaftliche Wirkung strategisch aufgestelltes Unternehmens-Engagement entfalten kann. Genauso wichtig ist es uns, gemeinsam mit unseren Kund*innen proaktives, gesellschaftliches Engagement so zu gestalten, dass es auch die Nachhaltigkeit des Unternehmens voranbringt – und damit zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beiträgt.

[i] Global Sustainable Investment Alliance (2019) 2018 Sustainable Investment Review, verfügbar auf http://www.gsi-alliance.org/wp-content/uploads/2019/03/GSIR_Review2018.3.28.pdf.
[ii] Bloomberg (2021) ESG assets may hit $53 trillion by 2025, a third of global AUM, verfügbar auf https://www.bloomberg.com/professional/blog/esg-assets-may-hit-53-trillion-by-2025-a-third-of-global-aum/.
[iii] Für verschiedene Definitionen: InvestImpactly, 2017; KPMG, 2017; Datamaran, 2021; Robeco, 2021.
[iv] SustainAbility (2020) Rate the Raters: Investor Survey and Interview Results, verfügbar auf https://www.sustainability.com/globalassets/sustainability.com/thinking/pdfs/sustainability-ratetheraters2020-report.pdf.
[v] Kotsantonis, Sakis and Serafeim, George, Four Things No One Will Tell You About ESG Data (July 15, 2019). Journal of Applied Corporate Finance 31 (2), Spring 2019, pages 50-58., Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=3420297
[vi] Rodell et al (2017) Corporate volunteering climate: mobilizing employee passion for societal causes and inspiring future charitable action, verfügbar auf http://eprints.lse.ac.uk/69524/2/Booth_Corporate_volunterring_climate_author_2017%20LSERO.pdf.
[vii] Bis zur Fusion 2018 separat als seine späteren Unternehmensteile Essilor und Luxottica.
[viii] EssilorLuxottica (2020) Sustainability Report, verfügbar auf https://www.essilorluxottica.com/sites/default/files/documents/2020-07/EssilorLuxottica_Sustainability%20Report_2019.pdf.
[ix] EITI (2021) Who We Are, verfügbar auf https://eiti.org/who-we-are.
[x] Porter, M. E. und Kramer, M. R. (2011) ‘Creating Shared Value: How to reinvent capitalism—and unleash a wave of innovation and growth’, Harvard Business Review, January/February: 62-77.
[xi] Mirvis, P. und Googins, B. (2017) The New Business of Business: Innovating for a Better World, The Conference Board, verfügbar auf https://www.conference-board.org/retrievefile.cfm?filename=TCB-GT-V2N1-The-New-Business-of-Business1.pdf&type=subsite.
[xii] Mastercard (2021) Corporate Sustainability, verfügbar auf https://www.mastercard.us/en-us/vision/corp-responsibility.html.

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